Karl Mayländer und die Leopold Museum-Privatstiftung: Ein Ärgernis
Schiele: „Selbstdarstellung mit gestreiften Ärmelschonern", 1915
Karl Mayländer wurde 1941 nach Lodz deportiert und überlebte die Shoah nicht. Von seinen persönlichen Lebensumständen ist wenig bekannt. Gesichert scheint zu sein, dass Karl Mayländer mit Egon Schiele zumindest bekannt war und er aus Anlass seines 10. Todestages im Jahr 1928 in seiner Wohnung in 1180 Wien, Weimarer Straße 7, eine öffentlich zugängliche Ausstellung von Werken Egon Schieles aus seiner Sammlung veranstaltete.
Karl Mayländer sah sich aufgrund der NS-Verfolgung gezwungen, sein Vermögen zu veräußern. Seine Schiele-Sammlung, darunter die Zeichnung „Selbstdarstellung mit gestreiften Ärmelschonern“ aus 1915 und vier weitere Zeichnungen, waren damals allerdings „unverkäuflich“, wie er den NS-Behörden mitteilte. Daher hat er diese fünf Schiele-Zeichnungen seiner Freundin Etelka Hoffman freiwillig geschenkt - behauptete jedenfalls der Sammler Dr. Rudolf Leopold, der diese Zeichnungen am 10. Jänner 1960 von Etelka Hoffman gekauft hat. Der Kaufpreis von ÖS 19.200,00 wurde in monatlichen Raten zu ÖS 800,00 bezahlt. Faktum ist, dass Karl Mayländers gesamtes Vermögen nach dessen Deportation im Juli 1943 von der Gestapo eingezogen worden war. Dieses Vermögen umfasst auch Schieles „Selbstbildnis mit roten Haaren und gestreiften Ärmelschonern“ und jene vier weitere Zeichnungen, die sich heute nach dem Ankauf durch Dr. Rudolf Leopold im Eigentum der Leopold Museum-Privatstiftung befinden.
Schiele: „Rückenansicht eines vorgebeugten Jünglingsaktes", 1908
Die sogenannte „Michalek-Kommission“, die von der zuständigen Bundesministerin Claudia Schmied zum Zweck der Klärung der offenen Restitutionsfragen rund um die Leopold Museum-Privatstiftung eingerichtet wurde, hat bereits im November 2010 den einstimmigen Beschluss gefasst, wonach alle fünf Schiele-Zeichnungen zu restituieren wären, wenn das Kunstrückgabegesetz auf die Leopold Museum-Privatstiftung anwendbar wäre.
Was ist seit November 2010 passiert?
Hat die Leopold Museum-Privatstiftung die fünf Schiele-Zeichnungen von Karl Mayländer an die Erbin restituiert?
Hat die Leopold Museum-Privatstiftung der Erbin, einer hochbetagten 90jährigen Dame, eine adäquate finanzielle Entschädigung angeboten?
Die Leopold Museum-Privatstiftung hat einen Entschädigungsbetrag, der nicht einmal 10% des Marktwertes dieser 5 Schiele-Zeichnungen erreicht, angeboten.
Schiele: „Frauenakt"
Schiele: „Sitzender Bub mit gefalteten Händen", 1910
Der Vorstand der Leopold Museum-Privatstiftung, der von Vertretern der Republik Österreich kontrolliert wird (die Republik Österreich stellt vier Mitglieder, die Familie Leopold drei), weiß es besser als die zehn hochkarätigen Mitglieder der „Michalek-Kommission“ und besser als der österreichische Kunstrückgabebeirat:
Dieser Kunstrückgabebeirat hat bei identer historischer Faktenlage in seinem Beschluss vom Juni 2011 in einem anderen Fall, in dem es um fünf andere Schiele-Zeichnungen, die sich im Eigentum des Bundesmuseums Albertina befanden, ebenso einstimmig beschlossen, dass diese fünf Zeichnungen an die Erbin nach Karl Mayländer zu übereignen sind. Das ist mittlerweile auch geschehen.
Weder der einstimmige Beschluss des Kunstrückgabebeirates noch der einstimmige Beschluss der „Michalek-Kommission“ überzeugen den Vorstand der Leopold Museum-Privatstiftung, der entgegen den zweifelsfreien und widerspruchsfreien Ergebnissen der Provenienzforschung und den einstimmigen Beschlüssen zu einem anderen – für die Leopold Museum-Privatstiftung natürlich besseren – Ergebnis kommt.
Begründet wird diese Ablehnung der Restitution der fünf Schiele–Zeichnungen u.a. damit, dass der Vorstand der Leopold Museum-Privatstiftung das Vermögen der Privatstiftung – also die Sammlung Leopold – erhalten muss und keine Gemälde oder Zeichnungen verkaufen darf. Das Argument ist unrichtig. Der Vorstand der Leopold Museum-Privatstiftung kann Kunstwerke verkaufen wie auch restituieren. Gerade der Verkauf eines der zentralen Werke, nämlich das Ölgemälde „Häuser mit bunter Wäsche“ über das Auktionshaus Sotheby’s im Juni 2011, das einen Erlös von mehr als EUR 27.000.000 erzielte, beweist, wie ernst die Leopold Museum-Privatstiftung ihr eigenes Argument nimmt.
Die konsequente Ablehnung der Restitutionsansprüche durch das Leopold Privatmuseum in einer mehr als 12 jährigen Verzögerungs- und Hinhaltetaktik ist ärgerlich: Zu erinnern ist in diesem Zusammenhang an die unwürdigen Fälle „Wally“ und „Häuser am Meer“. Die in den USA im Jahre 1998 beschlagnahmte „Wally“ wurde nach jahrelangem, Millionen Euro teurem Rechtsstreit in New York letzten Endes zum Marktwert von der Leopold Museum-Privatstiftung zurückgekauft, „Häuser am Meer“ wurden nicht restituiert, sondern die Erben nach Jenny Steiner wurden mit einer weit unter dem Marktwert des Gemäldes liegenden finanziellen Entschädigung abgespeist.
Schiele: „Selbstbildnis in weißem Anzug mit Panama-Hut", 1910
Zu erinnern ist in diesem Zusammenhang daran, dass zwar das Kunstrückgabegesetz formal nicht auf das Leopold Museum, das als Privatstiftung organisiert ist, anwendbar ist.
Aber: Das Leopold Museum ist keine gewöhnliche Privatstiftung. Die Republik Österreich hat als Gegenleistung für die Einbringung der Bilder in die Privatstiftung durch Doktor Rudolf Leopold einen hohen Preis gezahlt. Sie finanziert den Großteil des laufenden Betriebes der Leopold Museum-Privatstiftung durch öffentliche Subventionen und kontrolliert das Management. Der Vorstand besteht aus sieben Mitgliedern, vier davon werden von der Republik Österreich ernannt.
Mit anderen Worten: Die Republik Österreich ist wirtschaftlicher Eigentümer der Leopold Museum-Privatstiftung, die sie finanziert und kontrolliert.
Das Skandalon, dass sich eine österreichische Institution, die von der österreichischen Republik finanziert und kontrolliert wird, konsequent und entgegen den eindeutigen Beschlüssen und Empfehlungen hochkarätiger österreichischer Kommissionen weigert, Nazi-Raubkunst aus ihrem Sammlungsbestand zu restituieren, bleibt bestehen.
Wir fordern: Restitution der fünf Schiele-Zeichnungen an die Erbin nach Karl Mayländer!
